Eine funktionierende App entsteht heute an einem Nachmittag. Man beschreibt einer KI in normaler Sprache, was das Programm können soll, klickt die Vorschläge durch und bekommt am Ende etwas, das läuft. Anfang 2025 gab der KI-Forscher Andrej Karpathy diesem Vorgehen einen Namen, „Vibe Coding". Noch im selben Jahr wählte das Collins-Wörterbuch den Begriff zum Wort des Jahres. Software herzustellen ist damit ungefähr so aufwendig geworden wie ein T-Shirt zu kaufen. Und genau hier drängt sich ein Vergleich auf, der weiter trägt, als einem lieb ist. Wird Software durch KI das neue Fast Fashion?
Software herzustellen ist so billig geworden wie ein T-Shirt
Der Vergleich stimmt zuerst einmal bei der Herstellung. So wie Fast Fashion Kleidung für fast jeden erschwinglich gemacht hat, senkt KI die Kosten für den Bau einer Software auf einen Bruchteil. Wer eine Idee hat, braucht keine Entwicklungsabteilung mehr und keine sechs Monate Vorlauf, sondern ein paar gute Beschreibungen und etwas Geduld. Das ist eine echte Öffnung, weil sich auch kleinere Unternehmen plötzlich Werkzeuge bauen können, für die früher das Budget fehlte. Nur ist das Bauen der Oberfläche der einfache Teil. Ein T-Shirt zu nähen ist ebenfalls nicht schwer. Die eigentliche Frage ist, wie es aussieht, nachdem man es dreimal gewaschen hat.
Ein schönes Frontend ist noch kein fertiges Produkt
Ein Kleidungsstück beurteilt man im Laden nach dem ersten Eindruck. Bei Software ist der erste Eindruck die Oberfläche, also das, was man sieht und anklickt. Was ein ausgereiftes Produkt ausmacht, sieht man dagegen nicht. Es muss mit falschen Eingaben umgehen, sensible Daten schützen und auch dann standhalten, wenn tausend Leute es gleichzeitig benutzen. Genau an dieser unsichtbaren Substanz scheitert der schnelle Code am häufigsten.
Der Sicherheitsanbieter Veracode ließ 2025 mehr als hundert KI-Modelle dieselben Programmieraufgaben lösen. In 45 Prozent der Fälle enthielt das Ergebnis eine Sicherheitslücke aus der offiziellen Liste der häufigsten Schwachstellen. Bei einer besonders verbreiteten Lücke, über die Angreifer fremden Code einschleusen, versagten die Modelle sogar in 86 Prozent der Fälle. Für ein kleines Unternehmen ist das kein akademisches Problem. Eine solche Lücke bedeutet im Zweifel, dass Kundendaten offen im Netz liegen. Ausgerechnet in der Software, die gestern noch als schnelle Lösung gefeiert wurde. Bemerkenswert ist ein zweiter Befund. Neuere und größere Modelle schreiben Code, der zuverlässiger funktioniert, aber keinen sichereren. Die Oberfläche wird besser, die Substanz darunter nicht.
Die eigentlichen Kosten entstehen erst im Betrieb
Ein billiges Shirt fällt nach dreimal Waschen auseinander. Bei Software zeigt sich der Verschleiß später und stiller, aber er zeigt sich. Wer die Herstellung für die ganze Rechnung hält, übersieht den größeren Posten. In der Softwaretechnik gilt seit Jahrzehnten eine Faustregel, die Fachverbände wie die IEEE bestätigen. Zwischen 60 und 80 Prozent der Gesamtkosten einer Software entstehen nicht beim Bauen, sondern danach, im Betrieb und in der Wartung. Wichtig ist also nicht, was das Programm heute kostet, sondern was es in drei Jahren kostet, wenn es weiterlaufen, sich anpassen und reparieren lassen muss.
KI-Werkzeuge verschärfen genau diesen Posten. Der Analysedienst GitClear hat über 200 Millionen Codezeilen großer Unternehmen untersucht und stellt fest, dass Entwickler seit dem Aufkommen der Assistenten immer mehr Code einfach kopieren statt ihn sauber wiederzuverwenden. 2024 war das erste Jahr, in dem kopierter Code das ordentliche Umbauen überholte. Das klingt nach einer Kleinigkeit für Fachleute, hat aber eine handfeste Folge. Kopierter Code trägt seine Fehler mit. Steckt in einem Fragment ein Bug, wandert er mit jeder Kopie weiter und taucht an vielen Stellen zugleich wieder auf. Man baut schneller und häuft dabei genau das an, was einen später einholt.
Am Ende zahlt jemand für den schnellen Code
Fast Fashion ist nicht deshalb ein Problem, weil so viel produziert wird. Das eigentliche Problem ist, dass die Kosten woanders landen als beim Käufer. Die Umwelt trägt sie und die Menschen in den Nähfabriken. Bei Software läuft dasselbe Muster, nur unsichtbarer. Wer eine App schnell zusammenklickt und weiterzieht, hat den Nutzen sofort. Die Rechnung bekommen andere. Die Nutzer zahlen mit ihren Daten, sobald eine Sicherheitslücke offensteht. Das Unternehmen zahlt mit Wartungsstunden, die niemand eingeplant hat. Und wer die Software in zwei Jahren übernimmt, erbt einen Berg Code, den keiner mehr versteht.
Profitieren tut vor allem, wer im Tempo verkauft. Die Anbieter der Werkzeuge verdienen an jeder neuen App und die Erzählung, dass Softwarebau heute trivial sei, treibt den nächsten Verkauf. Wer das Ergebnis am Ende betreiben und pflegen muss, kommt in dieser Rechnung nicht vor. Selbst das Tempo, das eigentliche Versprechen, hält nicht immer stand. Das Forschungsinstitut METR ließ 2025 erfahrene Entwickler echte Aufgaben mit und ohne KI bearbeiten. Mit KI brauchten sie 19 Prozent länger. Gefühlt waren sie 20 Prozent schneller. Man merkt also nicht einmal, dass man langsamer wird. Der Code entsteht trotzdem, mit Schwächen, die erst auffallen, wenn es teuer wird.
Für Unternehmen zählt, was nach dem Kauf kommt
Für ein Unternehmen heißt das nicht, KI beim Bau von Software zu meiden. Es heißt, das Richtige zu bewerten. Eine schnelle App für ein internes Experiment darf ruhig ein Wegwerfprodukt sein. Sobald aber Kunden oder Mitarbeiter täglich darauf angewiesen sind, zählt die unsichtbare Substanz mehr als die schöne Oberfläche. Die nützlichen Fragen sind darum die langweiligen. Wer wartet das in zwei Jahren? Was passiert, wenn viele es gleichzeitig nutzen? Wie sind die Daten geschützt und was kostet der laufende Betrieb? Wer darauf keine Antwort bekommt, hat einen Prototypen vor sich und kein Produkt.
Ein Beispiel aus dem Alltag zeigt das. Ein Unternehmen lässt sich ein kleines Tool bauen, das Angebote automatisch erstellt. Die Oberfläche sieht sauber aus und die erste Rechnung ist klein, also ist man zufrieden. Ein Jahr später fällt das Tool bei jedem Update aus und niemand weiß, wie es innen funktioniert. Die gesparte Zeit vom Anfang ist längst aufgebraucht. Fast Fashion für Software ist in Ordnung, solange man weiß, dass man Fast Fashion kauft. Schwierig wird es erst, wenn man das billige Shirt für einen Maßanzug hält.
